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Sport ist mehr als ein Nebenfach – von der Bedeutung des Schulsports in Krisenzeiten

Wir haben uns einige Gedanken über den (nicht stattfindenden) Bewegungs- und Sportunterricht in den Schulen Österreichs gemacht, einen Blick auf pädagogische Forderungen geworfen - und sind zu dem Schluss gekommen, dass Sport mehr als nur ein Nebenfach ist. Vorallem ist es kein Fach, das in Krisenzeiten einfach rausgekickt werden darf.


Veränderungen im Alltag

Die aktuelle Situation rund um Covid-19 bringt Veränderungen in vielen alltäglichen Bereichen des Lebens. Ein Bereich für über 1 Million Schüler*innen in Österreich ist definitiv der Schulunterricht, der seit 18.5.2020 wieder gestartet wurde. Strenge Hygienemaßnahmen, neue Stundenpläne, Gruppeneinteilungen, ein anderes Lernsetting – während im ein oder anderen Nacken noch das Gefühl der Virus-Angst sitzt, werden bei manchen mögliche Szenarien verdrängt, um wenigstens ein bisschen Alltagsgefühl in den sich stetig ändernden Tagesablauf bringen zu können.

Die Schule geht wieder los und bringt so einen Funken Alltag - doch ganz ohne Sportunterricht?

Unsicherheit und Unwissen

Unsicherheiten, Ängste, Unwissen zur Einschätzung der Situation – ein Wandel hin zur Gleichgültigkeit lässt sich überwiegend feststellen, was sich nicht nur auf die unzähligen Verschwörungstheorien zurückführen lässt, sondern klipp und klar zeigt: man hat es einfach satt. Satt, sich aufzuregen, satt, sich hineinzusteigern, satt, sich Sorgen zu machen – ohne fundiert zu wissen, worüber, worin und wozu. Und dieses Gefühl trifft natürlich auch überwiegend Schüler*innen.


Wenngleich Expert*innen nach wie vor Wachsamkeit, Vorsicht und Verantwortung voranstellen, was von vielen (zu) lauten Stimmen bereits belächelt oder schlichtweg nicht mehr eingehalten wird, finden sich in diesem Gefühls- und Einschätzungschaos Schülerinnen und Schüler wieder. Sie sind dennoch nicht nur dazu angehalten, motiviert, selbstbewusst und kompetent ihren Schulalltag, als wäre nie etwas passiert, zu meistern, sondern auch Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen konsequent und vorbildhaft durchsetzen – während stetig kommuniziert wird, dass sie potenzielle Gefährder und zugleich Gefährdete sind. Diese Kommunikation ist laut Expert*innen richtig und wichtig, bringt jedoch mehr Unsicherheit, insbesondere in der Umgebung Schule, in der es meist nicht einmal warmes Wasser geschweige denn ausreichend Seife gibt. Das beunruhigt selbstverständlich zusätzlich.

Abgesehen von der Unsicherheit, gepaart mit Gleichgültigkeit oder Ängsten, Zuversicht, Hoffnung oder Panik, ist der Schulalltag nicht mehr das, was er einmal war. Das kann so oder so gedeutet werden.


Nachlässiger Umgang mit ästhetischer Bildung

Ein jedoch entscheidender, negativer Faktor ist in diesem Zusammenhang der nachlässige Umgang mit ästhetischer Bildung, wobei wir in diesem Artikel insbesondere den Sportunterricht hervorheben möchten. Aufgrund des zu großen Ansteckungsrisikos wird kein Gedanke daran verschwendet, zumindest Optionen und Rahmenbedingungen zu erarbeiten, um den Sportunterricht in österreichischen Schulen unter der aktuellen Situation umzusetzen. Kaum ist etwas zu reduzieren, trifft es Bereiche der ästhetischen Bildung am härtesten. Was umso fataler ist – sie fokussiert eine Vielzahl an Fähig- und Fertigkeiten: es geht nicht nur um das Aneignen von Wissen, sondern um eine konkrete Wissensanwendung. Menschen gestalten so aktiv ihre Umwelt – dementsprechend verhängnisvoll ist es, Unterrichtsstunden salopp zu streichen, die insbesondere diese Skills schulen.

Neben Musik, Werk- oder Zeichenunterricht bildet der Sportunterricht in all seinen Facetten eine wichtige Grundlage zur Bewältigung von Herausforderungen, gerade in Krisenzeiten.


Der Bewegungs- und Sportunterricht trägt zur einer ganzheitlichen Bildung, Wohlbefinden und Gesundheit bei.

Forderungen Bewegungs- und Sportunterricht

Im „Statement zum ausgesetzten Bewegungs- und Sportunterricht an Schulen aus sport-pädagogischer Sicht“ der Abteilung Sportpädagogik/-didaktik & Sportgeschichte (Institut für Sportwissenschaft, Universität Wien) steht das Thema endlich (wieder) im Rampenlicht des Diskurses:


Die „bildungspolitische Legitimation“ des Unterrichtsfaches Bewegung und Sport mit Hinblick auf eine ganzheitliche, leibliche Bildung auf sensomotorischer, kognitiver und affektiver Ebene sorgt für eine angemessene Bewegungsförderung aller Kinder und Jugendlichen. So wird nicht nur schulisches Lernen nachhaltig unterstützt, sondern ein sport- und bewegungsspezifisches Fundament über den Schulunterricht hinaus gelegt. Weiters werden eine ganzheitliche Entwicklung, Persönlichkeitsentwicklung, der Umgang mit Emotionen und Stress sowie sogenannte Schlüsselkompetenzen wie Teamfähigkeit und gemeinsames Gestalten gefördert. Der Aspekt der Kreativität und jener des persönlichen Engagements hilft dabei, aktiv Lösungswege für komplexe Herausforderungen zu gestalten. Dabei eröffnen sich im Unterrichtsfach Bewegung und Sport unterschiedliche Perspektiven des sich Bewegens wie Gesundheit, Gestalten und Erleben. Das gemeinsame Gestalten und die Auseinandersetzung mit sich und der Umwelt bietet daher entscheidende Anknüpfungspunkte für fächerübergreifendes Lernen und die Einbindung von Bildungsanliegen wie interkulturelle Bildung, reflexive Geschlechterpädagogik oder eben Bildung für nachhaltige Entwicklung.


Was der Sportunterricht und BNE miteinander zu tun haben, erfährst du hier!


Die Rolle der Sportlehrer*innen

Sportlehrer*innen verfügen über die professionellen Kompetenzen, die insbesondere in dieser Ausnahmesituation von Bedeutung sind. Sie können Möglichkeiten schaffen, Lernräume dementsprechend zu gestalten, sodass der Bewegungs- und Sportunterricht unter den vorliegenden Auflagen stattfinden kann. Bewegung und Sport ist vielseitig. Damit Kinder und Jugendliche - insbesondere trifft es jene, die außerhalb des Schulunterrichts nicht auf Bewegungsangebote zurückgreifen können - die grundlegenden und vielzähligen positiven Aspekte des Bewegungs- und Sportunterrichts nicht missen und auf die Vorteile verzichten müssen, kann Sport in Lernräumen im Freien verlegt sowie Möglichkeiten umgesetzt werden, die die Sicherheits- und Hygienemaßnahmen inklusive Warmwasser und Seife (!) sicherstellen.

Gemeinschaftsgefühl trotz Abstand!


Eine entsprechende Anpassung des Bewegungs- und Sportunterrichts ist notwendig

Anpassung des Sportunterrichts

Eine entsprechende Anpassung des Sportunterrichts ist dringend notwendig und wünschenswert, um Kindern und Jugendlichen nicht nur ein Stück „bewegten Alltags“ zurückzugeben, sondern auch essentielle Kompetenzen zu fördern, um Persönlichkeitsentfaltung voranzutreiben, das Gemeinschaftsgefühl trotz Abstand zu stärken und Herausforderungen aktiv und gestalterisch angehen zu können. Dabei soll keineswegs eine Vernachlässigung oder ein Abtun der Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen geschehen – es geht lediglich um die Befassung damit, was im Bereich des Möglichen ist!


Sport ist eben nicht nur ein Nebenfach – sondern grundlegend für eine gesunde und nachhaltige Entwicklung, insbesondere in Krisenzeiten!


Julia von move4sustainability



Weitere Informationen:


Abteilung Sportpädagogik/-didaktik & Sportgeschichte Institut für Sportwissenschaft, Universität Wien: Statement zum ausgesetzten Bewegungs- und Sportunterricht an Schulen aus sport-pädagogischer Sicht