• Julia

Teil 3 unserer Serie: Tackeln von Herausforderungen im Sport / Kathrine Switzer und Bobbi Gibbs


In unserer neuen, dreiteiligen Serie berichten wir von positiven Beispielen und Situationen aus dem Sport, in welchen schwierige Herausforderungen angegangen und diese erfolgreich gemeistert wurden.


Wir rufen uns heute den bahnbrechenden Erfolg von Kathrine Switzer und Bobbi Gibbs in Erinnerung. Wie die „verbotene Frau“ und die leise Schrittmacherin sich allen Mythen zum Thema Frauen und Marathon widersetzt und Marathon-Geschichte geschrieben haben, erfährst du in diesem Artikel.



Kathrine Switzer, Bobbi Gibbs und das Laufen

Wir schreiben das Jahr 1966. Katherine Switzer, geboren in Amberg, Bayern, trainierte bereits seit längerer Zeit mit ihrer Lauf-Trainingsgruppe, die ansonsten ausschließlich aus Männern besteht, an der Syracuse University. Für Switzer, zu diesem Zeitpunkt 20 Jahre alt, waren weite Laufdistanzen im Training keine Besonderheit. Dennoch waren Frauen offiziell bei Rennstrecken, die länger als 2,4 Kilometern sind, zu dieser Zeit nicht zugelassen. Zwar dürften Frauen an Events teilnehmen, bekamen jedoch keine Startnummer und waren von der Wertung ausgeschlossen. Switzer‘s damaliger Trainer, Arnie Briggs, erzählte regelmäßig von seinen persönlichen Erfolgen beim Boston Marathon – bis Switzer konstatierte, diesen auch selbst laufen zu wollen.


Zuvor war es Bobbi Gibbs gewesen, die im Jahr 1966 den Boston Marathon als „stille“ Teilnehmerin mitgelaufen war. Sie hatte sich vor Rennstart im Gebüsch versteckt und sich in die Mitte der vorbeigelaufenen Männer gereiht. Startnummer hatte sie keine besessen, da diese Frauen bei einer versuchten Anmeldung verweigert worden war. Ins Ziel gelaufen war Gibbs mit einer Zeit von 3:21:40 - schneller als knapp zwei Drittel der männlichen Teilnehmer.


Sonderliche Einwände gegen Frauensport

Trainer Briggs war von Switzer’s Idee nicht besonders angetan. Doch wie kam es, dass Frauen nicht zugelassen waren, einen Marathon zu laufen? Sportfunktionäre vertraten damals die sonderliche Meinung, dass die Laufstrecke über 42,195 Kilometer für Frauen nicht geeignet war. Ihre körperliche Disposition ließe es nicht zu und Frauen könnte sogar „beim Laufen die Gebärmutter herausfallen“. So wurde ebenfalls die zugelassene Rennstrecke von 2,4 Kilometern argumentiert. Switzer konnte mit diesen Argumenten wenig anfangen, da ihr absolviertes Trainingspensum weitaus höher lag. Fest entschlossen wollte sie den Marathon laufen – und das mit Startnummer.



Angemerkt sei dabei, dass viele Einwände gegen Frauen im Sport nach wie vor im heutigen Sportalltag verankert sind. „Typische Frauen- und Männersportarten“, Klischees und Diskriminierung finden auch heute noch statt. Wichtig ist es, diese Ungleichheiten zu adressieren und endgültig strategisch abzubauen.

Einen Impuls dazu findest du hier



Weiterkämpfen, weiterlaufen

Nach vielen Diskussionen und der Absolvierung eines Laufs über die Marathonstrecke konnte Kathrine Switzer ihren Trainer endlich überzeugen, am Marathon teilzunehmen. Innerhalb ihres Teams stoß sie dabei auf großartige Unterstützung. Mit einer Teamanmeldung konnte ein befreundeter Laufkollege ihr die ersehnte Startnummer besorgen. Switzer gelangte so als erste Frau mit einer Startnummer an den Start des Boston Marathons.



Der entscheidende Tag

Mit der Startnummer 261 ausgerüstet begann Switzer ihren Marathonlauf am 19. April 1967, der in die Geschichte eingehen würde. Mit 740 Männern im Teilnehmerfeld, die ihre Courage bewunderten, lief sie die ersten Kilometer. Nach Abnahme ihrer Wollhaube wurde sie jedoch schnell von Rennleiter Jock Semple als Frau „entlarvt“ – worauf er versuchte, sie aufzuhalten. Switzer ließ sich nicht stoppen und konnte mit der Unterstützung ihres guten Freundes Tom Miller, der Semple abdrängte, weiterlaufen. Trotz des Schocks beendete sie wild entschlossen und wütend nach 4 Stunden und 20 Minuten das historische Rennen mit ihrer Startnummer 261.


261 - eine Startnummer, die in die Geschichte einging

Zugleich erfuhr sie am Abend, dass Bobbi Gibb ebenfalls – ohne Startnummer - mitgelaufen und sogar eine Stunde vor Switzer in das Ziel eingelaufen war. Gibbs gilt dabei als stille Pionierin, die ihre Leidenschaft, das Laufen, entgegen der diskriminierenden Meinungen einfach durchgezogen hatte. Beide Frauen kämpften und liefen – laut und leise - für denselben Zweck und leisteten gleichsam einen Beitrag zur Gleichstellung in der damaligen Männerdomäne.



Blick in die Zukunft

Beide Frauen waren bedeutende Schrittmacherinnen des Frauensports. Die damalige Meinung zu Frauen im Marathon ist kaum mehr vorstellbar, wenn wir einen Blick auf die heutigen Zahlen im Marathon werfen. Knapp die Hälfte der Teilnehmenden sind Frauen und tragen die Message von Katherine Switzer und Bobbi Gibbs mit jedem Schritt mit.


Katherine Switzer ist nach wie vor aktive Läuferin und setzt sich weiterhin gegen die intersektionelle Diskriminierung von Frauen ein. Eines ihrer zahlreichen Aktivitäten ist das Projekt 261 fearless.



Wir nehmen daraus mit: Das Altbewährte muss nicht immer der richtige Weg sein. Das können wir sowohl für Bereiche unseres eigenen Lebens erkennen als auch im größeren Kontext sehen. Wirtschaftsweisen, Handlungen, Einstellungen müssen nicht immer so bleiben, wie sie sind. Mit kritischem Denken, Motivation und Durchsetzungsvermögen sind Veränderungen möglich – wichtige Schlüsselpersonen motivieren und stoßen einen nachhaltigen Wandel in all seinen ökologischen, ökonomischen und sozialen Dimensionen an. Die angestoßenen Veränderungen müssen jedoch von allen weitergetragen werden.


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Julia von move4sustainability


Über die Autorin:

Julia Wlasak ist Vollblut-Sportlerin. Sie blickt auf umfassende Erfahrung im Schul- und Hochschulbereich zurück und wundert sich, warum Sport so wenig Aufmerksamkeit im Nachhaltigkeits- und BNE-Kontext bekommt. Deswegen gründete sie im Dezember 2019 move4sustainability.